Mass Effect 2 - Die Reaper schlagen zurück



Rollenspiel Spezialist Bioware zündet mit Mass Effect 2 die nächste Stufe der RPG Evolution. Eine ausgefeilte Story, glaubhafte neue Charaktere und ein auferstandener Commander Shepard lassen unseren Gamestester Pascal ins Schwärmen geraten. Ein paar Macken sind ihm trotzdem nicht entgangen. Unser Testbericht.

Story:
Vor zwei Jahren hat Commander Shepard, der erste menschliche Spectre (eine Art interstellarer Super-Bulle mit Lizenz zum Töten), erfolgreich  den Reapern in die Suppe gespuckt. Doch das skrupellose Maschinenvolk findet in den mysteriösen Kollektoren einen neuen Handlanger für die Verwirklichung des großen Ziels: Rückkehr in die Galaxie der Ratsvölker und Unterwerfung aller Lebewesen. Es gibt zweifelsohne bescheidenere und vor allem noblere Ziele. Doch die Reaper meinen es ernst und als erstes Ausrufezeichen wird Shepards Schiff von den Kollektoren angegriffen und zerstört. Viele Crewmitglieder fallen dem Angriff zum Opfer, darunter auch der legendäre Commander selbst. Doch der Tod ist erst der Anfang. Die alienfeindliche Geheimorganisation Cerberus findet den Leichnam und rekonstruiert Shepard Stück für Stück. Zwei Jahre und vier Milliarden Credits später, ist er wieder auf den Beinen. Ausgestattet mit einigen Upgrades und bereit, Vergeltung zu üben. Doch dazu muss erst einmal eine neue Crew zusammengestellt und ein neues Raumschiff organisiert werden. In beiden Fällen bietet die zwielichtige Organisation Cerberus erneut großzügig ihre Hilfe an. In Ermangelung von Alternativen, geht Shepard das Bündnis zähneknirschend ein. In den letzten beiden Jahren ist jedoch viel passiert und die Kollektoren waren alles andere als untätig. Um ihre finsteren Pläne zu vereiteln, muss Shepards Team abermals alles in die Waagschale werfen.














Spieleindruck:
Für BioWare typisch, erstellt man seinen Charakter völlig individuell. Dabei hat man auch freie Hand, ob man als Frau oder Mann spielt. Sehr lobend sollte man in diesem Zusammenhang erwähnen, dass sich die Dialoge im Spiel an das entsprechende Geschlecht anpassen. Hut ab, so viel Liebe zum Detail sieht man selten! Der Clou ist jedoch die Option, dass man seinen Charakter aus Mass Effect 1 in das Spiel importieren kann. Dies umfasst nicht nur das Aussehen, sondern allen voran auch die Entscheidungen, die man im ersten Teil getroffen hat. BioWare hat in diesem Kontext auch schon angekündigt, dass sich Entscheidungen aus Teil Eins sogar auf die dritte Episode der Sci-Fi-Trilogie auswirken sollen. Die komplexe Charakter-Erstellung verspricht schon mal zünftiges Rollenspiel-Feeling. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde der Rollenspiel-Part jedoch ordentlich kastriert.  Im Grunde spielt sich Mass Effect 2 eher wie ein Shooter à la „Gears of War“. Diesem Schritt fiel das komplette Ausrüstungs-Inventar im Menü zum Opfer. Waffen und Rüstungen kann man nur noch an speziellen Terminals wechseln. Ebenfalls wurde das Auflevel-System stark vereinfacht. Es gibt nur noch eine Handvoll Bereiche in die man Erfahrungspunkte investieren kann. Diese bekommt man zudem nicht mehr pro besiegten Gegner oder erfolgreich geknacktem Schloss, sondern nur noch am Ende einer Mission. Böse Zungen könnten behaupten, dass man hier den Stempel von Electronic Arts (welche sich 2008 BioWare einverleibt haben) spüren kann. 
Das Spiel wurde jedenfalls deutlich einsteigerfreundlicher gestaltet, um nicht zu sagen: narrensicher, sodass nun wirklich JEDER damit klar kommt und es kaufen kann. Einer der großen Kritikpunkte am Vorgänger waren die öden Planeten-Missionen, in denen man mit seinem Weltraum-Buggy die Karte, auf der Suche nach Schätzen, mühsam abfahren musste. Die gute Nachricht gleich vorweg: in Mass Effect 2 muss man keinen widerspenstigen Mako an steilen Berghängen hochprügeln. Die Schlechte: die neue Jagd nach Mineralien ist sogar noch öder! Wie BioWare das geschafft hat? Ganz einfach: von nun an muss man Planeten aus dem Orbit heraus abscannen. Dabei bedient man eine Art Fadenkreuz und fährt mit diesem zentimeterweise über die Oberfläche. Jedes Mal wenn das Messgerät ausschlägt, schießt man eine Sonde ab um die Mineralien einzusammeln. Zu allem Überfluss bewegt sich dieses Fadenkreuz nur sehr behäbig und leider ist diese Mineraliensuche nur bedingt „optional“, denn ohne Mineralien gibt es keine Upgrades für Waffen, Rüstungen und Raumschiff. Im Zuge der Mutation von Shooter-Rollenspiel zu Shooter-mit-einem-Schuss-Rollenspiel, darf man in Teil Zwei seit neuestem auch Munitionspakete für seine Waffen aufsammeln.













Diese sind zum Glück reichlich vorhanden, allerdings muss man gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden, doch des Öfteren aus der Deckung heraus hechten und nach Munition suchen. Wie man sich vorstellen kann, hat dies mitunter fatale Folgen. Soviel zu den weniger gut gelungenen Veränderungen. Auf der Haben-Seite hat das Spiel eine wirklich mitreißende Story und die wohl besten Dialoge, die es je in einem Videospiel gab. Man spürt deutlich, dass es sich ausgezahlt hat, professionelle Autoren zur Ausarbeitung des „Mass Effect“-Universums heranzuziehen. In diesem Zusammenhang ist auch die fantastische deutsche Synchronisation zu erwähnen. Bei Videospielen ist es ja leider immer noch üblich, an der Synchro ein paar Euros zu sparen, sodass man eigentlich fast nur die englische Fassung zocken kann ohne sich ständig fragen zu müssen, welcher sadistische Drecksack nur solche Leute in die Nähe von Mikrofonen lässt. Leider gab es, verglichen mit dem ersten Teil, bei einigen wichtigen Charakteren (z.B. die männliche Shepard-Stimme) Änderungen was die deutschen Sprecher angeht. Die neuen Leute machen auch einen tollen Job, jedoch ist es ein wenig irritierend und schade im Hinblick auf die Kontinuität der Gesamtstory als Trilogie. Des Weiteren ist die musikalische Untermalung zu jedem Zeitpunkt sehr atmosphärisch und passend. Verbessert wurde auch die technische Seite.  Die Figuren wirken nun endlich aus einem Guss und es gibt keine krassen Qualitätsunterschiede zwischen detaillierten Köpfen und schwach-texturieren Körpern mehr. BioWare konnte ebenfalls das starke Textur-Problem des ersten Teils beheben, welches  auftrat wenn ein neuer Level-Abschnitt geladen wurde.



Pro: 
+ Story fesselt ab der ersten Sekunde 
+ Charaktere und Dialoge sind mit viel Liebe zum Detail gezeichnet 
+ Sehr guter Soundtrack 
+ Sehr viele Missionen und Planeten garantieren viele Stunden Spielspaß 
+ Komplexes Universum mit individuellen Evolutionsgeschichten der  Rassen, die weit über die eigentliche Story hinausragen 
+ Technische Schwächen des Vorgängers wurden weitestgehend                 ausgebügelt (besonders das massive Texturstreaming-Problem) 
+ Einsteigerfreundlicher als Teil 1
+ Charakter aus Teil 1 importierbar, inklusive aller Story-relevanter    Entscheidungen 

Contra: 
+ Rollenspiel-Elemente kommen deutlich kürzer als in Teil Eins 
+ Planeten-Scans um wichtige Elemente zu finden ist sehr langweilig  umgesetzt 
+ Spiel wird auf zwei Discs geliefert. Leider muss man zwischen diesen  mehrfach hin und her wechseln, selbst wenn man beide auf der Festplatte  installiert hat (Xbox 360-Version) 
+ Bugs wie Clipping-Fehler trüben stellenweise den Spielspaß. Ein Patch ist hoffentlich schon in Arbeit



Fazit:
Auch wenn ich viele Kritikpunkte und Verschlimmbesserungen aufführen musste, ist Mass Effect 2 ein heißer Anwärter auf mein persönliches „Spiel des Jahres 2010“. Das liegt vor allem an den tollen Charakteren, einem klasse Soundtrack und dem liebevoll ausgearbeitetem Universum. Diese Vielfalt an verschiedene Rassen, die bis auf Jahrhunderte zurück, eine komplette eigene Evolutionsgeschichte von BioWare ausgefeilt bekommen haben, das ist wirklich einmalig und kann dem „Star Wars“-Universum mehr als nur das Wasser reichen. Dennoch würde ich es sehr begrüßen, wenn Mass Effect 3 wieder mehr Rollenspiel-Erfahrung bieten würde. (Pascal Scheib) 


Mass Effect 2 ist für Xbox 360 und PC erschienen.